Wider das  Vergessen!
Mein Untertitel


Über den Umgang mit Geschichte

Ein kritischer Aufsatz

Als gebürtiger Neidenburger, ehemaliger Pimpf (Jungvolkjunge) und einstiger Schüler des Erich-Koch-Gymnasiums, der seine Heimatstadt oft besucht, weil er sich mit ihr und ihren Menschen tief verbunden fühlt, möchte ich zu einem Thema Stellung nehmen, das für manch einen vielleicht peinlich ist und deshalb einfach verdrängt wird. In vielen einschlägigen Publikationen von Vertriebenenverbänden u.ä. finde ich relativ wenig zu diesem Problemkreis, oder aber bisweilen zum Teil beschönigend bzw. sehr oberflächlich dargestellt. Dabei ist es im Sinne einer objektiven Geschichtsbetrachtung notwendig, auch negative, unangenehme und schmerzliche Fakten, Tatsachen und Ereignisse der Vergangenheit zu nennen, zu untersuchen und nicht zu verschweigen oder zu verdrängen. Einige Erlebnisse mit Landsleuten haben mich dazu angeregt, dies zu tun:

• Kann Geschichte peinlich sein? 

Bei einem Bummel durch die Stadt über den ehemaligen Emil-Schulz-Platz zum Schlossberg sprachen einige alte Neidenburger davon, dass dort links neben der ehemaligen Schlosserei Rexin das Grenzlandmuseum war. Das Gebäude steht heute noch. Auf meinen Einwand, dass dort vor Errichtung des Museums (1939) aber doch die verbrannte Synagoge gewesen sei, wandten sich einige ostentativ von mir ab. Der eine oder die andere Neidenburger/in aus der Gruppe äußerte, offensichtlich peinlich berührt, dass »das doch schon lange her ist« und »außerdem ist das Vergangenheit, die man doch endlich ruhen lassen sollte«.
• Kann Geschichte ehrlos sein?
Bei meinen Recherchen und der Informationssammlung für einen Freund, der sich in seiner Dissertation u.a. mit dem Thema „Juden in Masuren“ befasste, befragte ich einen alten Neidenburger, der ansonsten sehr mit seinem umfangreichen Wissen und seinen hervorragenden Erinnerungen an Örtlichkeiten, Menschen und Ereignisse beeindruckte, nach den ehemaligen jüdischen Familien und Geschäften in Neidenburg. Ich selbst (Jahrgang 1932) kann mich nämlich noch an einige jüdische Familien und Geschäfte erinnern. Seine Antwort war sehr abweisend und ohne jeden konkreten Hinweis im Gegensatz zu seinen sonstigen Auskünften, zu denen er dankenswerterweise immer und überall bereit ist. Auch die wenigen in Neidenburg (im Gegensatz zu anderen Orten im Reich) während der „Reichskristallnacht“ verübten Gewalttaten und ihre fünf Opfer wurden von den meisten weitgehend verdrängt. Vielleicht, weil „dieses Kapitel...unserer Heimat nicht zur Ehre gereichte“ (aus „Es geschah in einer Nacht", Wagner in Neidenburger Heimatbrief Nr. 36, S. 43/273 ff.).
• Darf Geschichte lückenhaft sein?
In einem von dem vorgenannten, befragten Neidenburger veröffentlichten Faltblatt mit zusammengetragenen Geschichtsdaten der Stadt und des Kreises Neidenburg, zu dem ich das Layout fertigen und dessen Druck besorgen durfte, endet seine „Geschichte des Kreises Neidenburg“ mit dem Jahr 1920 und mit dem Satz „Am 18. und 19. Januar 1945 besetzte die Rote Armee die Städte Soldau und Neidenburg“. Die Zeit von 1920 bis Januar 1945 ist ein „Weißer Fleck“ in dieser seiner Geschichte Neidenburgs. Mein Hinweis darauf, dass eine Geschichtsdarstellung mit Auslassungen (Verschweigen) von Daten und Fakten keinen Anspruch auf Objektivität und Wissenschaftlichkeit erheben könne und an die Geschichtslehre totalitärer Systeme erinnert, die gewisse historische Gegebenheiten einfach verfälscht bzw. verleugnet haben, weil sie in ihre Ideologien nicht hineinpassten, wurde schweigend und ohne korrigierende Veränderungen oder Ergänzungen ignoriert. Sein bis dahin gepflegter häufiger Kontakt zu mir brach danach leider ab.
• Muss man sich für Geschichte schämen? 
Bei Treffen ehemaliger Schüler des Realgymnasiums Neidenburg, und in ihren Gesprächen wird strikt vermieden, davon zu sprechen, dass diese Schule für kurze Zeit den Namen des unrühmlichen Gauleiters von Ostpreußen trug. Die Bezeichnung „Erich Koch Schule“ wird von den meisten ganz augenscheinlich schamhaft übergangen. Es hat nun mal die Erich-Koch-Schule und die Adolf-Hitler-Knabenvolksschule in Neidenburg und viele andere Einrichtungen, Straßen und Plätze überall in Deutschland gegeben, die nach Führern der NSDAP benannt waren. Sie wurden nach 1945 logischerweise umbenannt und kein sachlich und historisch denkender Mensch muss sich heute dafür schämen.
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ihre Bewältigung - auch und besonders mit der eigenen und jeder für sich selbst - ist ein guter Weg zu klaren Einsichten und neuen Erkenntnissen, die für eine vernünftige Grundhaltung in einer gemeinsamen menschenwürdigen und friedlichen Zukunft notwendig sind. Siegfried Lenz hat mit seinem Wort "Bei den meisten ruft die Erinnerung nichts anderes hervor als Selbstmitleid" wohl nicht ganz Unrecht. "Alles Phrasen und Binsenwahrheiten", wird man entgegenhalten, aber meine eigenen Erfahrungen gehen in diese Richtung. Meine jahrelange Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit der verlorenen Heimat, mit Neidenburg und seinen Menschen und ihren Erlebnissen, über die ich für meine Familie und Freunde seit einigen Jahren an einer Autobiografie mit dem Titel "BERNSTEINE und TRILLERPFEIFEN" schreibe, hat mir ganz neue und wertvolle Einsichten vermittelt. Deswegen habe ich aus dieser Arbeit einige kurze Abschnitte der darin enthaltenen Chronik und einige Kapitel des Romans wiedergegeben, die ein wenig die oben kritisierte Geschichtslücke (1920-1945) schließen mögen. Sie sind unter den Links  Chronik und Roman zu finden.
Wissenschaftliche Geschichtsforschung befasst sich leidenschaftslos und sachbezogen z. B. auch mit der Christenverfolgung in Rom, mit der Inquisition, mit den Judenpogromen im Mittelalter, mit den Massakern des 30jährigen Krieges, mit der Vertreibung und der Ermordung von Millionen Menschen in und nach dem 2. Weltkrieg, mit den Genozids neuester Zeit und mit vielen anderen Ereignissen und Verbrechen von Einzelpersonen, Gruppen und Völkern. (So wurden z. B. am 4. Juli 1946 in Kielce/Polen 40 Juden von (katholischen) Polen ermordet und 80 verletzt. 
Dabei geht es ernsthaften Historikern nicht darum, illegales oder menschenrechtswidriges Verhalten zu be- oder zu verurteilen, sondern nach den Ursachen und Zusammenhängen zu forschen und daraus Lehren für die Zukunft ziehen zu lassen. Ziel und Zweck von Geschichtsforschung und -darstellung ist meines Erachtens, die Wahrheit herauszufinden und zu beschreiben, ohne Sühne oder Wiedergutmachung zu fordern. Letzteres gehört in andere Bereiche (z.B. Jurisdiktion und Politik). Es bleibt jedem einzelnen Menschen überlassen, wie er mit diesen Wahrheiten umgeht und was er daraus macht. Hoffen wir also, dass der eine oder die andere Ostpreuße/in, Neidenburger/in, Vertriebene oder Flüchtling noch zu der Einsicht kommt, dass es in unserer und der Geschichte und Vergangenheit fast aller Völker und Staaten Schattenseiten gibt, an denen sehr viele keine persönliche Schuld tragen. Nur muss man darüber auch reden können und dürfen, ohne als "Nestbeschmutzer", "Verräter" oder als "Polenfreund" attackiert zu werden.
Wer mit Geschichte umgehen kann, ist eher ein Freund aller Menschen dieser Erde!• Eine Bitte: Die anonymen Briefschreiber und Anrufer mit ihren bösartigen Beleidigungen und Drohungen als Reaktion auf die Veröffentlichung dieser Seiten bitte ich ganz herzlich: Wenn Sie mit mir reden bzw. korrespondieren wollen, nennen Sie doch einfach Ihren Namen und Sie werden in mir einen fairen, toleranten und verständnisvollen Diskussionspartner finden. (Die meisten Denunzianten und Verleumder in der Nazizeit und in der Zeit des „real existierenden Sozialismus" waren auch zu feige, ihre Namen zu nennen!)

Nachsatz:  Die Veröffentlichung dieses Aufsatzes wurde bezeichnenderweise sowohl von der Hamburger Redaktion "Das Ostpreußenblatt" als auch vom Vorstand der Kreisgemeinschaft Neidenburg e.V. im "Neidenburger Heimatbrief" strikt abgelehnt.

Nachtrag: Am 10. Juli 1997 fuhren fast 500 Neidenburger aus dem ganzen Bundesgebiet nach Nidzica/Neidenburg zum großen Heimattreffen (Neidenburger Heimatbrief, Nr. 109, S. 19 ff.). Im Foyer eines Hotels in Olsztyn/Allenstein, in dem die meisten Neidenburger untergebracht waren, fand ein eklatantes und nachdenkenswertes Ereignis statt: Am Abend der Ankunft saßen an einem Tisch direkt vor der Rezeption einige Landsleute mit der Kreisvertreterin bei einem Glas Bier. Im Verlauf der Unterhaltung ließ einer von ihnen seiner politischen Gesinnung freien Lauf. Er muss von irgendjemand erfahren haben, dass ich Leitender Kriminalbeamter war und räsonierte lautstark über meinen früheren Dienstherrn, den Innenminister NRW, u. a. dass die »Roten doch schuld am Anstieg der Kriminalität« seien und er »überhaupt die Roten ablehne«. Er dagegen möge vielmehr die Farbe »Braun«, wie er lauthals bekundete. Im Laufe des weiteren Gespräches deutete er an, dass er auch den »Deutschen Gruß« bevorzuge. Dabei hob er demonstrativ und für alle Umstehenden sichtbar den rechten Arm. Dass die beiden jungen Damen hinter der Rezeption und einige Gäste (z.B. ein Ehepaar -RA und Notar- aus Celle) darauf ziemlich betroffen reagierten, versteht sich von selbst. Seine nicht gerade salonfähige Diktion war nebenbei gesagt nicht die, die man von einem Repräsentanten der Kreisgemeinschaft erwarten dürfte. Von meiner Meinung über das Verhalten dieses "Ewig Gestrigen" habe ich ihm gegenüber selbstverständlich keinen Hehl gemacht. Das führte dazu, dass dieses Mitglied des Vorstandes der Kreisgemeinschaft Neidenburg e.V. mir in den folgenden Tagen mit seiner Haltung und Gestik deutlich eine gewisse Ablehnung zeigte. Damit konnte und kann ich allerdings gut leben. Dieser Vorfall war im Übrigen einer der triftigen Gründe, warum ich dem nachdrücklichen Verlangen der Kreisvertreterin, für eine Funktion im Kreisvorstand zu kandidieren, leider nicht nachkommen konnte. Ein weiterer Grund für meine Ablehnung war der autoritäre Führungsstil der bisherigen Vorsitzendin dieses eingetragenen Vereins. Am 23.09.2006 wurde ein neuer Kreisvertreter gewählt, dem eine zeitgemäße Verbandspolitik und Vereinsphilosophie sowie ein kooperativer Umgang mit allen Neidenburgern zu wünschen ist.

Anmerkung: Obwohl ich seinerzeit die Kreisvertreterin sehr eindringlich auf das unmögliche (strafrechtlich relevante und verfassungsfeindliche?) Verhalten ihres Vorstandsmitgliedes hingewiesen habe, steht 2006 diese Person wiederum auf der Liste der Kandidaten für die Wahl der Mitglieder des Kreistages/ Kreisausschusses und damit als einer der offiziellen Vertreter der Kreisgemeinschaft Neidenburg e.V. und der noch lebenden Landsleute aus der Stadt und dem Kreis Neidenburg. Wie gehen die Vorsitzende und die übrigen Vorstandsmitglieder damit um? Ist es dem Vorstand der Kreisgemeinschaft Neidenburg e.V. eigentlich gleichgültig, ein solches „BRAUNES“ (Zitat des Betreffenden über seine „Lieblingsfarbe“) Mitglied in seinen Reihen zu haben? Vielen Neidenburgern bestimmt nicht! Die jetzigen, polnischen Bürger von Nidzica/Neidenburg sind diesem Vorstand offenbar ebenfalls gleichgültig - oder was sonst? Er scheint nicht der einzige zu sein, der immer noch in unserer unrühmlichen Vergangenheit lebt! (Siehe auch meine oben verfasste Bitte sowie die Anmerkung zu „Neidenburger helfen Neidenburgern“).

Kritik an "Umgang mit Geschichte"

Der im vorstehenden Nachtrag erwähnte Landsmann forderte mich am 08.08.2008 schriftlich auf, Zitat: „... den Nachsatz in o.a. Schriftstück aus dem Internet zu entfernen bis zum T: 13.08.2008. Außerdem droht er an: "Andernfalls werde ich umgehend rechtliche Schritte zur Durchsetzung meines berechtigten Anspruchs einleiten“ (Zitat Ende). Schließlich schreibt der Landsmann mir: „Aus Höflichkeit verschweige ich meine Meinung über die Qualität Ihrer im Internet eingestellten Schriftstücke, und auch das angeblich ´nachdrückliche Verlangen´ der Kreisvertreterin, dass Sie für eine Funktion im Kreisvorstand kandidieren sollen, möchte ich nicht weiter vertiefen. Ihre generelle Art und Ihr Verhalten und Benehmen sind der Kreisvertretung hinlänglich bekannt und daher nicht kommentierenswert“ (Zitat Ende). Viele Besucher meiner Website dagegen haben mir gegenüber bekundet, dass sie meine Internet-Präsentation hervorragend bewerten und vor allem auch dieser Teil der Geschichte Neidenburgs nicht verschwiegen werden darf. Was das „nachdrückliche Verlangen“ der Kreisvertreterin betrifft, kann das ein Zitat aus ihrem Brief an mich vom 02.08.1999 verdeutlichen: „Ich hoffe, von Ihnen eine positive Nachricht zu erhalten“. Bei einigen Leuten der Kreisgemeinschaft herrscht seit jeher die Tendenz, die Ereignisse und Vorkommnisse des Dritten Reiches einfach zu verschweigen. Einem Landsmann wurde 1998 z. B. nahegelegt, einen Abschnitt aus seinem Artikel für den Heimatbrief über Illowo rauszulassen mit der Begründung: „...wenn im Heimatbrief zu sehr auf die deutsche Schuld gepocht werde, würden sie (gemeint sind aktive Leute der Kreisgemeinschaft) sofort ihr Amt niederlegen“. Die gleichen Erfahrungen musste im Juli 1994 bereits Gerhard Knieß bei einem Schriftwechsel mit der Kreisvertreterin machen, als es u.a. um die Themen Jüdische Gemeinde, jüdische Friedhöfe, Synagoge, Judenmord 1938 in Neidenburg, NS/SS-Lager Soldau ging. Dabei ist gerade Gerhard Knieß als Bewahrer der Neidenburger/Soldauer Geschichte, neben einigen wenigen Historikern, besonders für seine Arbeit und Objektivität zu rühmen. Objektive Geschichtsdarstellung zeugt nach Auffassung des oben genannten Landsmannes also von „...nicht kommentierenswertem Verhalten und Benehmen“, was immer das auch bedeuten mag.


NSDAP in Neidenburg

Die Ambivalenz der Neidenburger

Wie die Namensliste der Funktionsträger der NSDAP einerseits und der Vertreter des Gemeindekirchenrates anläßlich des Deutschen Luthertages andererseits in Neidenburg zeigt, waren zumindest zu Beginn des "Dritten Reiches" auch einige Neidenburger Bürger auffallend zwiespältig. Nationalsozialistisches Denken drückte sich auch bei der Namensgebung bzw. Umbenennung von Dörfern, Straßen, Plätzen, Gebäuden und ebenso von Personen aus. Siehe dazu „Über den Umgang mit Geschichte“. So wurde die 1932/33 auf den Neidewiesen neu erbaute Knaben-Volksschule, die zunächst „Gregorovius-Schule“ heißen sollte, am 20. April 1933 als „Adolf-Hitler-Schule“ eingeweiht. Das Städtische Realgymnasium wurde in "Erich-Koch-Schule Neidenburg - Oberschule für Jungen" umbenannt. Die ehemalige Mühlenstraße zwischen Hindenburgstraße und Emil-Schultz-Platz wurde in Fritz-Tschierse-Straße umbenannt. Die Recherchen ergaben, dass Fritz Tschierse Vertriebsleiter der Preußischen Zeitung war und angeblich am 22.5.1931 vor seiner Königsberger Wohnung von vier Angehörigen der KPD erstochen wurde. Was Neidenburg mit Tschierse zu tun hatte, ist nicht bekannt. Der Bahnhofsplatz wurde zum Adolf Hitler Platz. Die Straßen in den neu erbauten Siedlungen an der Hohensteiner Straße erhielten natürlich ihre zeitgemäßen Namen. So wurde rechts der Hohensteiner Straße die Horst-Wessel-Straße benannt. Links der Hohensteiner Straße entstanden die SA-Siedlung und die NSKOV-Siedlung für minderbemittelte kinderreiche Familien. Schließlich haben nicht wenige Familien bzw. Personen ihre alten, zum Teil seit Jahrhunderten bestehenden Namen, die mit ski endeten, "eingedeutscht". 

Funktionsträger der NSDAP im Mai 1933: 
Kreisleiter Richard Liedtke, Mitglied im Kreisausschuß und Kreisdeputierter. 
Kreisleitung der NSDAP, Deutsche Straße 10, Fernruf 437.
Weitere Funktionsträger der NSDAP:
Kreisgeschäftsführer der NSDAP: Erich Hafenpusch
Kreisobmann der DAF: Otto Felchner / Alfred Lupp
Kreiswalter der NSV: Karl Matthes / Albert Jaschinski / Otto Hemp
Kreisfrauenschaftsleiterin: Hedwig Stern
Kreisbeauftragter der NSKOV: Drewin
Kreiswalter des RDB: Martin Kehl
Kreiswalter des NSLB: Robert Zachau / Friedrich Mateoschat
Kreisbauernführer: Paul Lewandowski / Paul Lenk
NSDAP-Fraktion im Stadtrat:
Eugen Dlugokinski, Kurt Dopatka, Oskar Droska, Ludwig Grabowski, Richard Gutzeit, Karl Jablonowski (später: Janke), Erich Jotzer, August Kiehl, Walter Lissy, Gustav Mattern, Kurt Merkisch, Petruschat, Ernst Sareyko, August Schellinski, Hans Schulz, Franz Teßmer, Otto Trawny, Ludwig Willamowski
NSDAP-Fraktion im Kreistag: Richard Dreyer, Richard Figura, Daniel Gunia, Rudolf Klatt, Paul Lewandowski, Fritz Maxim, Arthur Redemund, Gustav Robatzek, Johann Rosanski, August Roschkowski, Karl Sasse, Hermann Schimanski, Karl Tybusch, August Waschk, Gustav Zobel
Weitere Kreisausschußmitglieder: 
Heino Grieffenhagen, Hermann Kendelbacher, Franz Panzer, Arnold Thimm

Deutscher Luthertag 1933

Anlässlich des 450. Geburtstages von Martin Luther (* 10.11.1483 in Eisleben) lud die Kirchengemeinde Neidenburg zur Feier des Deutschen Luthertages 1933 ein. Die Einladung ist unterzeichnet: „Neidenburg, den 9. November 1933 Der Gemeindekirchenrat: Stern, Pfarrer Der Festausschuß: Eisenberger, Gettart, Jotzer, Kehl, Mateoschat, Radtke, Rohde, Sawitzki, Stegen, Stein, Struck, Wessolowski"

Judenpogrom

Die Reichskristallnacht in Neidenburg

Am Abend des 9. November 1938, nach Eintritt der Dunkelheit, wurden die Familie Zack und andere jüdische Bürger von SA-Männern überfallen. Meine Mutter und unsere Nachbarin, Frau Grabowski, standen an dem zum Töpferberg 2 gerichteten Fenster der Wohnung Grabowski (Ecke Hindenburgstraße 32 - Töpferberg 1) und beobachteten das Massaker. Der alte Herr Zack wurde offenbar mit einem SA-Dolch verletzt. Frau Zack wurde erstochen und aus dem Fenster ihrer Wohnung auf die Straße geworfen. Später wurde ihre Leiche mit einem Lastwagen der Müllabfuhr (?) abtransportiert. Die beiden Söhne Helmut und Kurt Zack wurden ebenfalls durch Stiche verletzt und konnten fliehen. Sie hat meine Mutter, die mit der Familie Zack gut befreundet war, im Keller unter unserer Küche versteckt. Am nächsten Tag erschien einer der SA-Männer bei meiner Mutter und drohte ihr an, dass ihr dasselbe passieren würde, wenn sie darüber rede. Sie musste ihm schwören, keinem etwas davon zu erzählen, was sie beobachtet hatte. Diesen SA-Mann kannte meine Mutter persönlich sehr gut aus der Zeit, als sie beide noch in der SPD (im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und in der Eisernen Front) waren. (Dies berichtete meine Mutter mir im Oktober 1996, einige Tage bevor sie starb)

Der Synagogenbrand in Neidenburg

Die Gäste (u.a. mein Vater mit seiner Skatrunde) der nahegelegenen Gaststätte  Marchlowitz liefen am Spätabend des 9. November 1938 zur brennenden Synagoge am Emil-Schulz-Platz und konnten beobachten, wie einige SA-Männer aus der benachbarten Schlosserei Rexin in Eimern Benzin holten und in die Flammen schütteten. Auf die Frage meines Vaters, ob sie damit etwa das Feuer löschen wollten, drohte man ihm an, zu verschwinden sonst würde er auch in den Flammen landen. Daraufhin überredete ihn sein Skatfreund Bruno Hasse (Studienrat am Erich-Koch-Gymnasium), diesen "Ort des Grauens" schnellstens zu verlassen, bevor noch etwas schlimmeres passiert. Der herbeigeeilte Rabbiner wurde auf das übelste beschimpft und misshandelt und mit Eiern und Mehl beworfen. Er war der einzige der protestierte. Alle anderen Zuschauer verhielten sich passiv, einige zeigten sich sogar begeistert. (Dies berichtete mein Vater mir im Jahr 1953) 

Verschwunden - Vergessen ???
Leider kann man heute nicht mehr erfahren, welche jüdischen Familien und Geschäfte es in Neidenburg gegeben hat und wann und wohin sie "verschwunden" sind. Nachfragen bei älteren Neidenburgern und Zeitzeugen stoßen auf „Erinnerungslücken", Desinteresse oder sogar auf Ablehnung und bleiben unbeantwortet! Nach der Volkszählung vom 1.12.1871 lebten in der Stadt Neidenburg 241 jüdische Mitbürger. Im Amtlichen Fernsprechbuch vom 1. Mai 1931 - Teilnehmer der Ortsnetze im Kreis Neidenburg - bzw. im Adreßbuch des Kreises Neidenburg 1926 finden sich folgende Eintragungen, bei denen es sich um jüdische Mitbürger handeln dürfte: 
Alexander, Albert, Justizrat, Rechtsanwalt, Notar, Deutsche Straße 196, Tel. 17
Bukofzer, M., Inh. Alex Bukofzer, Kaufhaus Bedarfsart., Markt 19/20, Tel. 126
Cohn Max, Nachf., Inh. Daniel Cohn, Manufaktur/Schuhw., Markt 34, Tel. 122
Ehrlich, Dr. Arzt, Markt 49, Tel.72
Hirsch J., Manufaktur-, Kurz-,Weiß- u. Wollwaren, Markt 43, Tel. 110
Itzig Arthur, Manufaktur-Waren, Markt 49, Tel. 105
Simonsohn Sally, Salamander-Schuhhaus, Markt, Tel. 118
Zack Aron, Pferdehändler, Bismarckstraße, später Töpferberg  II
Die Geschäfte wurden bekanntermaßen "arisiert" und von nichtjüdischen Bürgern "übernommen". Die Volkszählung vom 17. Mai 1939 stellte im gesamten Kreis Neidenburg 23 Juden, davon 10 männliche, fest. Wann Neidenburg "judenrein" war und wer dazu beigetragen hat oder gar dafür verantwortlich war, kann man heute auch nicht mehr erfahren.
Dass auch in Neidenburg die antisemitische Hetze öffentlich wurde, zeigt das nachfolgende Hetzplakat der SS in Neidenburg von 1933 (aus "Juden in Ostpreußen" Dr. Ronny Kabus, Ostpreußisches Landesmuseum, Lüneburg, 1998, ISBN 3-88042-888-3. Der Autor erteilte die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung an dieser Stelle).Die folgende Seite ist ein Auszug aus Unterlagen des Obersten Parteigerichts der NSDAP über die Untersuchung der Vorfälle am 9. November 1938 in Neidenburg.Das Verfahren gegen die sechs vorgenannten SA-Männer wurde eingestellt, "weil dieselben, wie ihnen nicht widerlegt werden kann und wie es nach der Überzeugung des Gerichts auch gewesen ist, an einen Befehl der Gauleitung zu blutiger Rache geglaubt und nur in Ausübung dieses vermeintlichen Befehls gehandelt haben. Daß die Angeschuldigten in gutem Glauben an einen Befehl gehandelt haben, ergibt sich auch daraus, daß ein anderes Motiv zu den Tötungen nicht erkennbar ist. Keiner der Männer kannte die getöteten Juden näher oder hatte persönliche oder geschäftliche Beziehungen zu ihnen; irgendein persönliches Haß- oder Rachegefühl hat bei keinem von ihnen vorgelegen" (Zitat aus der Akte). Lediglich dem Kreisleiter Liedke wurde vorgehalten, er habe "die Verantwortung für die weiteren Vorgänge und die Pflicht gehabt, angesichts der erregten Stimmung der unter dem Einfluß von Alkohol stehenden SA-Männer, in unmißverständlicher Weise vor Ausschreitungen zu warnen und alles zu tun, um sie zu verhindern" (Zitat aus der Akte). Auf diese Weise wurde dem ganzen Verfahren der Anschein der Recht- und Gesetzmäßigkeit gegeben. Übrigens, der Viehhändler Aron Zack, seine Frau Anna und seine Söhne Kurt und Helmut waren, ebenso wie viele andere jüdische Geschäftsleute, stadtbekannt.

Volksfeinde

Der unbekannte Widerstand

Hier soll derjenigen Neidenburgern gedacht werden, die mit dem Naziregime nicht einverstanden waren, die dagegen waren, die passiven und die sogar aktiven Widerstand leisteten, die unentdeckt blieben, die denunziert und verfolgt wurden, die im KZ landeten und die ihr Leben riskierten und gar verloren. 

Diese Seite ist z.Zt. in Bearbeitung. Ich bin für Informationen, Berichte und Fotos zur Ergänzung dieser Seite dankbar und lade alle Interessenten herzlich ein. Inzwischen sind mir die folgenden Fälle bekannt geworden, die ich vor dem Vergessen bewahren möchte:
Der Neidenburger Heinz B. berichtet, dass seine Eltern 1936 verhaftet worden seien, weil der Vater (ein Mietwagenunternehmer bzw. Taxifahrer) wegen seiner häufigen Fahrten mit Kunden in das benachbarte polnische Gebiet in den Verdacht der Kollaboration mit den Polen geraten sei. Der Vater wurde zum Tode verurteilt und später begnadigt (lebenslänglich). Er saß von 1936 bis 1945 im KZ. Die Mutter wurde zu eineinhalb Jahren Haft (vermutlich. Zuchthaus) verurteilt. Die Kinder gelangten zunächst zu einer Tante und wurden später getrennt.Der Bruder des Heinz B. ist seitdem verschollen.
Der Neidenburger Volksschullehrer Ernst G. wurde 1942 (?) aus politischen Gründen „zwangspensioniert" und erhielt nur ein geringes „Übergangsgeld". Seine Ehefrau bat nach 1945 den ehemaligen Bürgermeister von Neidenburg (Paul Wagner) schriftlich um eine Bestätigung dieser Maßnahme. Sie erhielt nie eine Antwort. 
Der Neidenburger Kolonialwarenhändler Leo G. wurde 1943 (?) verhaftet, weil er (vermutlich geschäftliche) Kontakte zu Polen hatte. Er wurde in ein Lager in Omulefofen (etwa 25 Kilometer nordöstlich von Neidenburg) verbracht und saß bis 1945 im KZ.
Die Klarnamen der vorgenannten Personen sind mir bekannt und wurden mit Rücksicht auf noch lebende Personen bzw. Angehörige gekürzt.
Wie ich soeben von einer Neidenburgerin erfahren habe, waren einige weitere Neidenburger, z.B. der Milchhändler Lange, der Café-Besitzer Poschmann und der Superintendent Stern ebenfalls den Repressalien der NSDAP bzw. GESTAPO ausgesetzt. 
Für diesbezügliche Informationen wäre ich dankbar. (23.08.2008)