Wider das Vergessen!
Ihr Untertite

 

Bernsteine & Trillerpfeifen

Aus meiner Autobiografie - Teil I (Chronik)

Die Vergangenheit stirbt erst mit dem Vergessen!

Das Dritte Reich
Ostpreußen blieb natürlich von den Machtkämpfen der Parteien, insbesondere der NSDAP, nicht verschont. Die große Stunde der NSDAP und der SA schlug auch und besonders in Ostpreußen. Kundgebungen, Versammlungen und Umzüge fanden überall statt. Adolf Hitler selbst, zum ersten Mal am 28. Mai 1929 in Königsberg und danach bis 1932 mehrmals in den Städten Ostpreußens und in den südlichen Grenz-gebieten, erlebte am 19. April 1932 in Lyk seine "Masurische Offenbarung". Auch Neidenburg streifte er 1932 auf seiner Reise durch die "Ostprovinz". Er genoss eine ungeheure Popularität, man liebte ihn geradezu. Besonders die Ostpreußen, die seit eh und je naturgemäß um ihre Sicherheit fürchteten, begrüßten die von den Nationalsozialisten versprochene Ordnung und Sicherheit im Lande, das Ende der Massenarbeitslosigkeit und die Revision des Versailler "Schanddiktats". Hitler war auch für sie der lang ersehnte "starke" Mann, der, wie viele hofften, Deutschland wieder zu einem gesunden und mächtigen Reich machen würde. Dass seine braunen Schergen Straßenkämpfe und Saalschlachten mit politischen Gegnern veranstalteten, die ihrerseits auch nicht vor Gewalttaten zurückschreckten, sahen viele nur als Übergangserscheinungen an. Hoffnung erweckte zwar besonders bei den Ostpreußen der Abschluss eines deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes am 26. Januar 1934, doch ihre Hoffnung erwies sich als ebenso trügerisch wie die Hoffnung des Bischofs von Ermland, die sich an den Abschluss des Reichskonkordats vom 20. Juli 1933 geknüpft hatte. Die Wahlergebnisse für die NSDAP lagen in Ostpreußen weit über 50 Prozent (Allenstein 53 %, Ortelsburg 67,5 %, Lyk 70,2 %, Neidenburg 92 %).

Das Inferno
War Neidenburg im Ersten Weltkrieg schon in der Anfangsphase von Kampfhand-
lungen berührt, so zögerte sich im Zweiten Weltkrieg die Einbeziehung der Provinz Ostpreußen bis in den Spätsommer 1944 und der Stadt Neidenburg sogar bis zum Januar 1945 hinaus, als die Ostfront immer näher rückte. Vom Luftkrieg waren wir bis dahin weitgehend verschont geblieben. Wir erlebten nur den langen Marsch der deutschen Wehrmacht am 1. September 1939 nach Polen und am 22. Juni 1941 nach Russland und die endlosen Kolonnen und Transporte von Kriegsgefangenen und "Ostarbeitern" aus den eroberten Gebieten. Ende Juli 1944 griffen die Sowjets Tilsit an, und im August legten britische Bombergeschwader die Innenstadt von Königsberg in Trümmer. Anfang Oktober begann der Einmarsch der Sowjets am Kurischen Haff und die Ostseeküste entlang. In den ersten Wochen des Jahre 1945 flüchteten fast eine Million Menschen über die Ostsee, die Hälfte davon von Pillau aus. Tausende versuchten mit Trecks über das zugefrorene Frische Haff dem Ansturm der Roten Armee zu entfliehen Die riesige Zahl der auf dem trügerischen Eis eingebrochenen, ertrunkenen und erfrorenen Frauen, Kinder und alten Leute weiß niemand genau. Von den Hunderttausenden, die mit Schiffen über die Ostsee zu entkommen versuchten, sind zigtausend Menschen untergegangen. Allein mit der Wilhelm Gustloff, die am 30 Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot torpediert und versenkt wurde, obwohl die Alliierten durch ihre Spione bestens darüber informiert waren, dass Verwundete und zivile Flüchtlinge an Bord waren - wie man später erfahren konnte -  kamen mehr als 9.000 Menschen um. Ebenso am 10. Februar 1945 mehr als 4.000 Menschen mit der Steuben und schließlich am 16. April 1945 fast 7.000 Menschen mit der Goya. Noch am 3. Mai, nachdem Berlin bereits kapituliert hatte, führte die Royal Air Force einen letzten großen Luftangriff auf Schiffe in der Kieler und Lübecker Bucht. Ihr Ziel waren die schwimmenden KZ-Transporter Cap Arcona und Thielbeck. Dieses furchtbare Bombardement kostete über 7.000 Häftlingen das Leben. Diese kriegsverbrecherischen und  menschenvernichtenden Aktionen gegen Zivilisten (Greise, Frauen und Kinder) und Verwundete sind auch mit den bestialischen Grausamkeiten der Nazis nicht zu rechtfertigen! Am 19. Januar drangen die sowjetischen Truppen von Süden auf Neidenburg vor. Bei Kriegsbeginn 1939 lebten in der Stadt Neidenburg 9.201 Einwohner. Im Januar 1945 waren es nur noch einige wenige, die vor der Roten Armee nicht geflüchtet waren. Die meisten von Ihnen wurden von der siegestrunkenen Sowjetsoldateska, die mit Neidenburg ihre erste deutsche Stadt im Süden Ostpreußens eroberte, erschossen, vergewaltigt, erschlagen (Lew Kopelew, Aufbewahren für alle Zeiten, Hamburg, 1975). Auf dem Sportplatz wurden in den ersten Nächten viele Soldaten und Zivilisten - und sogar russische und französische Kriegsgefangene - zusammengetrieben, erschossen und dort irgendwo verscharrt, wie eine Augenzeugin später berichtete. Beim Einmarsch der Sowjetischen Truppen in die Stadt am Abend des 19. Januar 1945 waren nur einige wenige Gebäude durch vorangegangenen Beschuss beschädigt. Einige Tage danach zerstörten die Sowjets die meisten Gebäude, indem sie sie in Brand setzten, beschossen und spektakulär sprengten. Diese Zerstörungsmaßnahmen wurden von den sowjetischen Kriegsberichterstattern fotografiert und gefilmt, um zu dokumentieren, welche schweren Schlachten die Sowjetarmee auf deutschem Boden zu bestehen hatte. Auf diese Weise wurde die Stadt Neidenburg ein Opfer der sowjetischen Militärpropaganda, wie ein polnischer Zeitzeuge später berichtete. Dabei hat es um Neidenburg überhaupt keine Kämpfe gegeben, weil die deutschen Truppen sich fluchtartig nach Westen abgesetzt hatten. Den schrecklichen Erlebnissen meiner Neidenburger Freunde und Bekannten und ihrem grausamen Schicksal während der Flucht und Vertreibung habe ich ein eigenes Kapitel gewidmet. Rund 200.000 Menschen entkamen über die Frische Nehrung oder auf dem Landweg bis Hela, wurden jedoch in Pommern bereits von sowjetischen Panzern erwartet. Am 9. April kapitulierte Königsberg mit 110.000 Überlebenden, von denen die Hälfte in den folgenden Monaten an Entkräftung starb. Von den rund 2,5 Millionen Einwohnern Ostpreußens (1939) haben nach Schätzungen etwa 614.000 dieses gewaltige Inferno nicht überlebt. Bis 1947 fanden etwa 1,93 Millionen ostpreußische Flüchtlinge Aufnahme in Mittel- und Westdeutschland. Dass sie hier von den "Einheimischen" nicht gerade herzlich willkommen geheißen wurden, ist ein anderes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Die unmenschlichen, abscheulichen Gräueltaten der von Stalin und Ehrenburg aufgehetzten Rotarmisten an den in ihrer Heimat zurückgebliebenen oder von der Front überrollten Menschen seien hier, ebenso wie die der Deutschen unter dem Naziregime in ganz Europa, nicht gegeneinander aufgerechnet sondern nur erwähnt, damit sie nie vergessen werden!  Und auch Polen und Tschechen nahmen nach 1945 - mit Wissen und Duldung der Westalliierten - grausame Rache an den Deutschen für das Ihnen von Deutschen zugefügte Leid.

Das Ende
Durch das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 wurde die Provinz Ostpreußen in ihren Grenzen vom 31. Dezember 1937 polnischer und sowjetischer Verwaltung mit dem Vorbehalt unterstellt, dass diese Regelung bis zu einem Friedensvertrag Gültigkeit haben soll. Ein solcher völkerrechtlicher Friedensvertrag ist bis heute nicht zustande gekommen. Anerkennungs- und damit Verzichtserklärungen von deutscher Seite sind einseitig und bis heute ohne Anerkennung des Heimatrechts der vertriebenen Deutschen von Seiten Polens und Russlands geblieben. Die Sowjetunion annektierte den nördlichen Teil Ostpreußens und Polen den südlichen. Damit war die deutsche Provinz Ostpreußen von der Landkarte Europas verschwunden. Am Ende des historischen Weges dieses Landes durch die Jahrhunderte blieben ein blutgetränkter Boden, geflüchtete, vertriebene, entwurzelte, traumatisierte Menschen, zerstörte Städte und Dörfer und vernichtete Kulturdenkmäler. Es kamen neue Bewohner, viele von ihnen auch aus ihrer Heimat vertrieben. Für die meisten von ihnen war es ein fremdes Land. Sie gingen daran, das Land mit ihren Ressourcen wieder aufzubauen, anfangs in der Sorge, dass sie auch daraus wieder vertrieben werden könnten. Die friedliche Koexistenz seit Anfang der siebziger Jahre und schließlich das Ende des real existierenden Sozialismus sowie das Heimweh der Flüchtlinge und Vertriebenen, und die Bereitschaft vieler ehemaliger Bewohner dieses Landes und seiner gastfreundlichen jetzigen Bewohner, sich gegenseitig zu akzeptieren, haben zumindest bei vielen Deutschen zu einem neuen, anderen Denken von Heimat geführt:
Heimat ist nicht ein Ort sondern ein Gefühl.
Manches, was die neuen Bewohner Ostpreußens nach alten Vorbildern wieder aufgebaut haben, hält die Erinnerung wach und macht die Vergangenheit lebendig. Möge es daher noch lange bestehen und erhalten bleiben - als Kulturerbe der Menschheit.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass es im Polnischen keinen adäquaten Begriff für "Heimat" im Sinne unserer Sprache und Auffassung gibt. Am nächsten käme wohl der 1946 von dem Soziologen S. Ossowski geprägte Terminus "prywatna ojczyzna" [privates Vaterland]. Für die polnische, im Osten "verlorene Heimat" gibt es den Begriff der "krezy", also das "östliche Grenzland".